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Interview

 

FoW Mitglied Nasser Shehadeh über die Perspektive „nachhaltige Entwicklung“ im Nahen Osten

 

Voraussetzung wäre die Entstehung eines lebensfähigen souveränen palästinensischen Staates, der über seine Ressourcen frei bestimmt ...

 

 

Im Rahmen unserer Werkstattreihe "LA Route 21 - den Kontinent Zukunft gemeinsam entdecken", in der wir uns mit Fragen nachhaltiger Entwicklung entlang der Storchenzugrouten beschäftigten, hattest du über die Wassersituation und die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung im Nahen Osten referiert. Auch aus einem persönlichen Blickwinkel...

Ich wuchs im Jordantal auf, etwa 60 km südlich des Sees Genezareth und vier bis fünf km vom Jordan entfernt. Der Fluss trennte unsere Gegend, die meine Eltern nach ihrer Vertreibung aus Palästina im Jahre 1948 gewählt hatten, von der alten Heimat. Beidseits des Jordans erstreckt sich ein fruchtbares, zum großen Teil landwirtschaftlich intensiv genutztes Gebiet. Die ganze Gegend wurde schon traditionell bewässert. Selbst im Winter war alles sehr grün. Das Jordantal ist vor allem durch den Winteranbau von Gemüse und Früchten bekannt wie etwa Zitrusfrüchte oder Bananen Die Winter sind dort sehr mild. Es ist angenehm warm. Die Sommer dagegen sind heiß. Glücklicherweise war das Innenklima der Häuser in der Regel von angenehmer Kühle da sie meist noch aus Lehm waren, was sie im Winter wiederum auch nachts warm hielt.

Ihr konnten baden?

Man hatte überall Wasser. Die Bäche waren zu der Zeit noch Natur belassen. In den Zuflüssen des Jordans, den Trockenflussbetten, den so genannten Wadis, konnte man baden. Von den Sandbänken aus konnte man die Fische beobachten. Manche Wadis führten nur im Winter Wasser, und oft wurden sie dann zu einem reißenden Strom. Unter den unterschiedlichen Vogelarten, die man bewundert hatte, waren die exotischen Störche, die zu bestimmten Jahreszeiten fast den Himmel bedeckten und Rast gemacht haben.

Es blieb nicht so paradiesisch …

Schon seit seiner Gründung 1948 begann Israel den nördlichen Abschnitt des Jordantals, das Hula-Gebiet, das die Störche als Rastplatz auf Ihrer Route von Europa nach Afrika nutzten, in
Ackerland zu verwandeln. Nach der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat wuchs in Jordanien der Bedarf nach mehr landwirtschaftlichen Flächen. So baute Jordanien am Ostufer des Jordan einen Kanal um das Wasser aus dem Jarmuk optimal auszunutzen.


1953-64 begann Israel mit dem Bau der so genannten „Nationalen Wasserleitung“ und leitet inzwischen fast das gesamte Jordanwasser um - über 400 Millionen Kubikmeter, vor allem in die Negevwüste .Das hatte gravierende Auswirkungen auf Menschen, Tiere und die Vegetation. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 zerstörte Israel dazu alte Wasseranlagen und Teile des Kanals. Ein großer Teil der Bevölkerung floh aus dem Jordantal.

Wie sieht es dort heute aus?

Der aktuelle Zustand des Tals auf jordanischer Seite geht auf die siebziger Jahre zurück Damals wurde der oben genannte Kanal fast bis zum Toten Meer ausgebaut – übrigens mit finanzieller Unterstützung Deutschlands und der USA. Entlang des Kanals stehen heute Gewächshäuser. Die Bewässerung wurde modernisiert. Die traditionelle Methode der Flächenbewässerung wurde durch die Tropfbewässerungstechnologie ersetzt Das Wasser wird durch Gerinnen oder Druckleitungen verteilt um die Wasserverluste zu minimieren. Um den steigenden Wasserbedarf zu decken wurden in einigen Trockenflussbetten, die im Winter Wasser zum Jordan und schließlich zum Toten Meer führten Talsperren gebaut. Jordanien sah sich zu diesen Maßnahmen gezwungen, da Israel das gesamte Wasser des Jordans für sich beansprucht um ihre Siedlungen in der Negevwüste zu bewässern. Die Tatsache, dass das Jordantal in seinem Naturzustand nicht mehr existiert ist also eine Folge des Baus dieser Siedlungen. Für die Wasserpipeline wurde der See Genezareth zwei Meter höher gestaut. Seit dem fließt in den Sommermonaten kein Süßwasser mehr den Jordan hinab. Es fließt dort nur noch salziges Brackwasser. Was das für die Pflanzen- und Tierwelt, des Jordantals bedeutet, lässt sich denken. Auch die Landwirtschaft ist betroffen. Und durch die extrem hohe Verdünstung schrumpft das Tote Meer in dramatischem Ausmaß.

Das Tote Meer wird zur Salzwüste?

Die israelische Art „die Wüste fruchtbar zu machen“, die Umleitung von ungeheuren Mengen Flusswasser für deren weltweit umstrittenen Siedlungen auf palästinensischem Boden haben das Tote Meer bereits auf ca. 60% seiner ursprünglichen Fläche schrumpfen lassen. Solange keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, schreitet diese dramatische Entwicklung voran, und Umweltschützer schätzen, dass die Touristenattraktion „Totes Meer“ innerhalb der nächsten 50 Jahre zur Salz-Sand-Wüste werden könnte.

In dem Film, den wir uns im Rahmen unserer Werkstattreihe ansahen,  konnten wir sehen, wie katastrophal die Wassersituation im Gazastreifen ist.

Theoretisch verfügt die Westbank über 700 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Das ist die Menge der erneuerbaren Ressourcen (Grundwasser und Oberflächenwasser) Das bedeutet ein theoretisches Wasserdargebot, wie die Fachleute sagen, von ca. 300 Kubikmetern pro Kopf und Jahr. Nach Angaben der WTO müsste aber eine Wassermenge von mindestens 1000 m³  pro Kopf und Jahr zur Verfügung stehen, um sämtliche Bedarfszwecke ( Trinkwasser, Industrie Landwirtschaft ) zu decken. Praktisch ist die Situation aber noch dramatischer da Israel 80% des Grundwassers für sich beansprucht. In Gaza ist die wasserwirtschaftliche Situation noch extremer. Hier steht einem Einwohner ca. 65 Kubikmeter pro Kopf und Jahr zur Verfügung. Brunnen der östlich gelegenen Siedler hemmen denn Zufluss von Grundwasser nach Gaza. Hinzu kommt das geschilderte Problem des umgeleiteten Jordanwassers. Den Palästinensern steht hier nicht einmal ein Siebzehntel der Wassermenge zur Verfügung, die für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung nötig wäre!

Gibt es fossile Wasservorräte, welche die Defizite ausgleichen?

In den meisten ariden Gebieten, so auch in Jordanien, Saudi Arabien, Palästina, hat sich in tieferen Schichten der Erde aufgrund früherer klimatischer Bedingungen nicht erneuerbares Grundwassers gebildet. Leider werden derartige Wasservorräte gar nicht oder nur geringfügig durch Niederschläge angereichert. Aufgrund der Tiefe des Grundwasserleiter ist die Wassergewinnung auch sehr teuer. Trotzdem ist der Wasserverbrauch alles andere als nachhaltig. So wird es für die Bewässerung von Zitrusfrüchten, Getreide, Bananen und ähnliches verschwendet. Um seine sparsame Nutzung zu fördern, müsste das Wasser weiter verteuert werden, zum Beispiel durch eine Art Ökosteuer. Die kurz bis mittelfristig angelegte Wasserpolitik befriedigt nicht einmal die Bedürfnisse der Gegenwart, die der Zukunft ignoriert sie komplett.

Siehst du Möglichkeiten für eine Wende zu einer nachhaltigen Entwicklung?

Meiner Ansicht nach ist die Suche nach Lösungen für das Problem des klimatisch bedingten Wassermangels in den so genannten „ ariden Gebieten“ des Nahen Ostens bereits durch die willkürliche Aufteilung der Region unter den damaligen Supermächten nach dem ersten Weltkrieg außerordentlich erschwert. Die Aufteilung hatte zu einer sehr ungleichen Verteilung des Naturpotentials - vor allem des Wassers - geführt. Unterschiedliche Ansprüche zwischen oberen und unteren Anrainern internationaler Flussläufe wie Euphrat und Tigris oder bei Grenzflüssen wie der Jordan wurden mit Waffengewalt durchgesetzt. Israel besetzte dann 1967 die Jordanquellflüsse, die östlich Ufer des See Genezareth, 14 Kilometer des Jarmukflusses bis zu seiner Einmündung. Mit der Besetzung der Westbank mit relativ reichen Grundwasservorkommen steht den Palästinensern nur 20% dieses Reservoirs zur Verfügung.

Wie könnte deiner Meinung nach eine nachhaltige Entwicklung der Region aussehen?

Voraussetzung wäre eine transnationale Friedensregelung, welche die ganze Region umfasst und die Entstehung eines lebensfähigen souveränen palästinensischen Staates, der über seine Ressourcen frei bestimmt. Ein völkerrechtverbindliches Regelwerk, das von allen Staatengemeinschafen anerkannt wird müsste die Grundlage für bilaterale Vereinbarungen bilden. Daraus dürfen keine Sonderrechte abgeleitet werden Die Logik der ungleichen Machtstrukturen müsste aufgehoben, die gewaltsame Umverteilung des Jordans beendet, die Nutzung von Wasser und anderen Ressourcengerecht aufgeteilt und nachhaltig gestaltet werden. Nicht die militärische Stärken oder politische Bündnisse dürfen die Fußläufe oder Grundwassererschließung bestimmen, sondern allein die Lebens- und Entwicklungsbedürfnisse der Menschen. Es gibt viel zu tun.

Empfohlenes Hintergrundmaterial:

Brot für die Welt, Kampagne Menschenrecht Wasser:

Wasser im Nahen Osten (PDF, 92 KB)