Future-on-Wings Perspektiven:         

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Dipl.- Ing. Nasser Shehadeh
E-Mail: n.shehadeh@t-online.de

 

Die Wasserwirtschaft

und die Entwicklungschancen

des Gazastreifens

 

Hinreichende Entwicklungschancen eines palästinensischen Staates sind für einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten unabdingbar.  Die zentrale Grundlage für eine soziale, wirtschaftliche und vor allem politische Entwicklung, die eine menschenwürdige Existenz ermöglicht, ist ein ausreichendes Wasserdargebot. Nach dem Abzug der Besatzungsmacht Israel und der Räumung der Siedlungen stellt sich die  Frage nach der Lebensfähigkeit des – vom Mutterland Palästina abgetrennten – Gazastreifens.

Zur notwendigen Deckung des aktuellen und zukünftigen Trinkwasserbedarfs bietet sich wegen der entstandenen komplizierten geopolitischen Lage des Gazastreifens in naher Zukunft keine Alternative zu den ohnehin übernutzten Grundwasservorkommen wie es prinzipiell etwa durch den Import von Wasser möglich wäre.

Die theoretisch verfügbaren erneuerbaren Wasserressourcen reichen gegenwärtig nicht einmal für Trinkwasserzwecke aus. Bei der Gewinnung von Trinkwasser aus diesen Ressourcen  werden deshalb Gesundheitsrisiken infolge schädliche chemischer Inhaltstoffe oder Krankheitserreger in Kauf genommen. Wird das Defizit durch Entnahme aus nicht erneuerbaren Grundwasservorkommen ausgeglichen, schließt sich ein immer enger werdender Teufelskreis. 

Da der Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten entsprechend der Bevölkerungsentwicklung stetig steigen wird, steigt analog der Grad der Abhängigkeit von landwirtschaftlichen Importen. Der Wassermangel wird quasi durch den Kauf vom so genannten "virtual Water" in Form von landwirtschaftlichen Produkten kompensiert. Der Gazastreifen kann sich aber die Importe aus eigener wirtschaftlicher Kraft nicht leisten. Damit würde die wirtschaftliche Abhängigkeit auch in der Zukunft fortgeschrieben!

Ohne Ergänzung der  durch Niederschläge  natürlich erneuerbaren  Wasservorkommen – z.B. durch Meerwasserentsalzung, Abwasserrückgewinnung wasserwirtschaftliche Maßnahmen oder Wassertransfer  –  würde sich die bisherige akute und dramatische wasserwirtschaftliche Situation des erhofften Staates Palästinas kontinuierlich verschärfen. Der seit Jahrzehnten praktizierte Raubbau der Wasserressourcen würde mangels Alternativen weitergehen.

Ein souveräner und wirtschaftlich lebensfähiger Staat Palästina würde für sich allein die wasserwirtschaftlichen Altlasten der jahrzehntelangen Besatzungspolitik nicht bewältigen können.

 

Was tun?

Gefragt sind kurz- mittel- und langfristige internationale Hilfen im Wassersektor. Ohne diese Unterstützung wäre der Staat Palästina nicht in der Lage, seine Pflichten für ein menschenwürdiges Leben zu organisieren, zu dem an zentraler Stelle auch das Recht auf Gesundheit, Nahrung, Wasser, Wohnung und Kleidung gehört.

Das extrem geringe Wasserdargebot (=  Wassermenge pro Kopf und Jahr) resultiert primär aus klimatischen Bedingungen . Auch die Bevölkerungsentwicklung infolge der Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 und durch den natürlichen Zuwachs trägt essentiell zu Dezimierung des Wasserdargebots bei. Zur Zeit müssen die Einwohner mit ca. 36 Kubikmeter Wassermenge pro Kopf und Jahr ihre gesamten Bedarfszwecke (Trinkwasser. Industrie, Landwirtschaft...) erfüllen. Das liegt weit unter dem für die menschliche Existenz als notwendig geltendes Minimum von 500 Kubikmeter.

Dazu verschärft der palästinensisch-israelischen Konflikt die Wasserkrise. Die räumliche Zerstücklung des kleinen Landes in drei Teilen –  Israel, Westbank, Gazastreifen –  schafft eine schwierige Ausgangslage für Verhandlungen in Bezug auf die Wasserfrage.  Diese kann nicht gelöst werden, solange sie – durch extrem unterschiedlichen Machtverhältnisse bestimmt – ein Diktat des Stärkeren ist.

Eine pragmatische Wasserpolitik setzt eine Kooperation mit allen Nachbarn voraus. Strittige politische Fragen dürfen eine bilaterale Wasserpolitik nicht beeinträchtigen. Eine Formel zur gerechten Wasserverteilung muss die hegemonial einseitig und bisher durch militärische Stärke durchgesetzten Wasseransprüche ersetzen.
 

Formel für eine gerechte Wasserverteilung

Wasserwirtschaftliche Maßnahmen an grenzüberschreitende Wasserressourcen, wie Abwassereinleitung , Wasserstauung , Umleitung usw. , die Auswirkungen auf Menge und Qualitäten der Ressource haben, müssen einvernehmlich mit den Unteranliegern vorgenommen werden, wenn diese zur relevanten Schäden führen oder führen können.

Hierfür eignen sich als Modelle zahlreiche bilaterale bzw. multilaterale Abkommen oder Initiativen - wie etwa die Nil Basin Initiative, die auf eine gleichberechtigten Beteiligung aller Anrainerstaaten basiert.

Der Verteilungs- und Nutzungskonflikt um Wasservorkommen ist ein zentraler Aspekt eines der dramatischsten Konflikte der Gegenwart.

Die Anerkennung der den Palästinensern zustehenden Wasserrechte durch Israel würde Israels Absicht auf eine friedliche Koexistenz mit den Palästinensern unterstreichen.

Eine Gesamtbetrachtung der Wasservorkommen und der Einwohnerzahl im historischen Palästina / als Grundlage einer Formel für eine gerechte Wasserverteilung unabhängig von der staatlichen Zugehörigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für einen gerechten und nachhaltigen Frieden.

Rahmenbedingungen

Für eine Beurteilung der Entwicklungschancen in Gazastreifen nach dem Abzug Israel sind folgende Rahmenbedingungen wichtig :


Landesstruktur und  Bevölkerung:

Ein Landstreifen an der Mittelmeerküste (Länge 40 Km . Breite 4-6 Km)

Fläche 365 Quadratkilometer

Einwohnerzahl : 1,5 Mio. davon 2/3 Flüchtlinge aus Palästina als Folge der Entstehung  Israels.

Verwaltung: 5 Verwaltungseinheiten:

Gaza, Nord-Gaza, Rafa , Khan Junis 

Deir El Balah

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Landkarte von Gazastreifen
und die Verwaltungseinheiten
Quelle : UNRWA
 

Leben in Flüchtlingslagern :

Die Flüchtlinge leben in acht Flüchtlingslagern mit einer Fläche von acht Quadratkilometer. Bis zu 100.000 Flüchtlinge müssen auf einem einzigen Quadratkilometer leben. Im Extremfall steht in manchen Gebieten für Wohnraum sowie für die soziale und technische Infrastruktur theoretisch eine Fläche von ca. 10 m² pro Person zur Verfügung.

Bevölkerungsentwicklung:

Die Bevölkerungsentwicklung ist ein wichtiger Parameter für den zukünftigen Wasserbedarf. Mit der Entstehung des Staates Israels im Jahr 1948 ist die Bevölkerung im Gazastreifen wegen der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat sprunghaft um über 60 % gestiegen. Die aktuelle jährliche Zuwachsrate beträgt 3,5%. Demnach würde die Einwohnerzahl im Jahre 2024 ca. 3 Mio. Einwohner betragen. Entsprechend dieser Entwicklung steigt theoretisch der Trinkwasserbedarf und insbesondere der Bedarf der Landwirtschaft und der Industrie.

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 2 :
Bevölkerungsentwicklung von 2005-2024

Quelle : Prognose aus :
Palestinian National Information Center (PNIC)

Die Wasserressourcen

Der Niederschlag :

 

Nur in den Wintermonaten von Mitte Oktober bis Ende März fallen Niederschläge. Die jährlich fallenden Niederschläge nehmen von Norden (450 mm) nach Süden (200 mm) ab. Ebenso nehmen sie mit zunehmender Entfernung von der Küste zu. (Siehe Abbildung 3)

 

Im Durchschnitt kann von 317 mm Niederschlagshöhe im Jahr ausgegangen werden. Der Niederschlag ist nach dem aktuellen Stand die einzige Wasserressource, die den Menschen für ihre gesamten Bedarfszwecke zur Verfügung steht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 3:

Verteilung der Niederschläge
Quelle: Palestinian National Authority
Umweltministerium

Die Verdunstung:

Die potentielle Verdunstung beträgt 1200 - 1400 mm pro Jahr. Nur in den Wintermonaten übertrifft die Niederschlagsmenge die Verdunstungsrate. Von den fallenden Niederschlägen verdunsten ca. 60 % . Der Rest der Niederschläge versickert im Boden und reichert das so genannte Küstenaquifer an oder fließt in den Trockenflussbetten (auf Arabisch „Wadis“) ab .
 

 

Die traditionellen Wasserressourcen

Das Grundwasser:

Im Durchschnitt fallen jährlich 115 Mio.m³. Die jährliche durchschnittliche Erneuerungsrate des Grundwassers durch Niederschläge beträgt nach unterschiedlichen Schätzungen nur 45 Mio. m³. In den niederschlagsreichen Jahren kann diese Rate in seltenen Fällen 167 Mio. m³ erreichen. Dramatisch ist die Situation, wenn diese Rate nur noch 40 Mio. m³ pro Jahr erreicht. Niemand weiß, wie sich die zukünftig zu erwartende Klimaschwankung auf die jährlichen Niederschläge auswirken wird.
 

Das Oberflächenwasser:

Oberflächenwasser existiert abgesehen von  wenigen saisonal bedingten Ausnahmen (im Winter)  nicht. Einige Trockenflussbette  entwässern höher gelegene Gebiete im Osten in Richtung Westen zum  Mittelmeer. Diese auf Arabisch so genannten Wadis sind charakteristisch für die ariden oder semi-ariden Gebiete . Sie führen zeitweise in den Wintermonaten Wasser.
 
Erwähnenswert ist  Wadi Gaza 2-3 Mio. m³  (Siehe z. B. Wadi Gaza in  Abbildung 4 unten  in Rot markiert). Wadi Gaza erstreckt sich von Hebron über Bersheba durch Gaza bis zum Mittelmeer und hat eine Länge von ca. 160 km. Sein Einzugsgebiet beträgt ca. 3600 Quadratkilometer . Seine Wassermenge wird größtenteils von Israel gestaut (siehe z.B. in Abbildung 4 den gelben Punkt vor der Grenze des Gazastreifens). Israel  benutzt  es als Vorfluter zur Entsorgung des Abwassers der  Siedlungen.

Abbildung 4: Quelle: Applied Research Institute Jerusalem.
Oben : nördlicher Teil, Unten südlicher Teil

 

Das Wasserdargebot pro Kopf und Jahr :

Für die Bevölkerung des Gazastreifens, die zur Zeit 1,5 Mio. Einwohner beträgt, stehen im Jahr 50 Mio. m³ (durch Niederschläge) erneuerbare Wasserressourcen (Grundwasser und Oberflächenwasser)  zur Verfügung. Somit ergibt sich pro Kopf und Jahr ein Wasserdargebot von : 36 m³. Aus dieser Menge muss außer dem Trinkwasserbedarf auch anderer Brauchwasserbedarf erfüllt werden! Zum Vergleich: In Deutschland beträgt statistisch allein der  Trinkwasserbedarf pro Kopf und Jahr ca. 47 m³.

Dem nach ist eine wirtschaftliche oder industrielle Entwicklung unter der aktuellen Bedingungen wegen des Wassermangels nicht möglich. Je nach Konsumverhalten wird für die genannten Zwecke tatsächlich bis 2000 m³ pro Kopf und Jahr benötigt. Ein Menge von 500 m³ bedeutet Wasserstress . Diese Werte verdeutlichen die absolute Wassernot in Gazastreifen mit gerade 36 m³ pro Kopf und Jahr.


Anthropogene Einflüsse auf die Qualität des Grundwassers

Es entstehen also extreme quantitative Defizite im Wasserdargebot. Dies resultiert vor allem aus den bereits erwähnten klimatischen Bedingungen. Zusätzlich führt der demographische Zuwachs, der durch die gewaltsame Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 entstand und durch die natürliche Bevölkerungsentwicklung verstärkt wird, zwangsläufig zu einem stetig abnehmenden pro-Kopf- Anteil in Bezug auf das Wasserdargebot.

Dieser akute Wassermangel führt zu einer extremen Übernutzung der vorhandenen Grundwasserreservoirs. Es wird jährlich doppelt soviel, nämlich 80 Mio. m³ entnommen, wie die Erneuerungsrate beträgt. Die Folge ist ein zusätzliches Absinken des Grundwasserspiegels und eine zunehmende Salzkonzentration, die durch das Eindringen des Meerwassers entsteht. Es ist zu befürchten, dass der Zustand des Grundwassers irreversibel ist.

Ein weiterer einschränkender Faktor ist die zunehmende Verschmutzung vorhandener Ressourcen durch ungeklärtes Abwasser sowie die unsachgemäße Verwendung von Düngemitteln und Schädlingsbekämpfungsmitteln (Pestiziden). Das bedeutet de facto ein quantitatives Defizit der Wasserressourcen und das für den Trinkwasserbedarf nur ein Teil der vorhandenen Wasservorkommen geeignet ist.

 

Die Qualität vorhandener Wasserressourcen

Die Summe der verfügbaren traditionellen Wasserressourcen ( Grundwasser und Oberflächenwasser) reichen im Idealfall nicht einmal für Trinkwasserzwecke aus, ganz zu schweigen von landwirtschaftlichen und industriellen Zwecken. Denn die Qualität des Grundwassers ist aufgrund zunehmender Verschmutzung und Versalzung nur bedingt zur Wasseraufbereitung geeignet.

 

Hohe Nitratkonzentration im Grundwasser:

So überschreitet z.B. die Nitratkonzentration nicht selten 300 mg / Liter, also weit mehr als der von der WHO empfohlene Wert von 50 mg/Liter. Nitrat gelangt über landwirtschaftliche Düngung ins Grundwasser. Die extrem hohe Nitrat-Konzentration kann bei Kleinkindern zur Erkrankung an Blausucht führen, und führt außerdem zur Bildung von toxischem Nitrit und krebserregenden Nietrosaminen.

Abbildung 5: Belastung des Grundwasser durch Nitrat
Quelle: Palestinian National Authority Umweltministerium

 

Belastung des Grundwassers durch Chloride infolge Übernutzung:

Durch stetige Absenkung des Grundwasserspiegels entsteht aufgrund von Gesteinsauswaschungen eine erhöhte Salzkonzentration. Als weitere Ursache wird landwirtschaftliche Düngung und das Abwasser erwähnt.

Unbedenklich laut EG-Richtlinie ist ein Grenzwert von 25 mg/l in der Chlorid-Konzentration, während die deutsche Trinkwasserverordnung einen höheren Grenzwert von 250 mg /l zulässt. Eine extrem hohe Chlorid-Konzentration von über 1000 mg / Liter ( siehe Abbildung 6) macht jedoch das Wasser für den menschlichen Genuss ungeeignet.

Mangels Alternativen müssen die Menschen auf das salzhaltige Wasser zugreifen und dabei mögliche Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen. Fallstudien belegen bei erhöhter Chlorid-Konzentration gesundheitliche Risiken wie Herzversagen, Nierenschäden und neurologische Störungen.


Abbildung 6 : Belastung des Grundwasser durch Chloride
Quelle: Palestinian National Authority
Umweltministerium

Problematik der Abwasserableitung und Klärung :

Nach Angaben der Palestinian National Information Center (PNIC) ist der Anschlussgrad der Haushalte , die ihr Abwasser in die öffentliche Kanalisation ableiten 60 %. Der Rest der Haushalte entsorgt sein Abwasser in Sickergruben. Das führt zu Belastung des Bodens und Grundwassers vor allem mit Nitrat. Abgeleitetes Abwasser wird nur mechanisch geklärt und entweder ins Meer entsorgt oder in großen Teichen gesammelt, was zu gesundheitlichen Belastungen, ästhetischen Problemen und Geruchsbelästigung führt und damit eine große Umweltbelastung darstellt.