
Umweltbewusstsein und soziales Gewissen entwickeln sich.
Doch im alltäglichen Markt-Verhalten bleibt der Fortschritt eine
Schnecke.
Woher rührt diese Diskrepanz? Wie kann sie überwunden werden? Wer es wirklich wissen will, sollte die Voraussetzungen eines hinreichenden
Bedürfnisses zur Verbraucher-Aufklärung ergründen.
In der Regel müssen moderne Bürger von Welt das zum guten Leben Notwendige
nicht der Natur ihrer unmittelbaren Umwelt abtrotzen. Daher scheinen sie von der
Sorge befreit, ob und wie sie es schaffen, die Kräfte der Natur für die eigenen Nachkommen
zu bewahren
oder anzureichern. Stets volle Regale bieten keinen Anlass, sich um die Zukunftsfähigkeit
der Naturkräfte zu sorgen, die das Begehrte auf ewig zuverlässig
bereit zu stellen scheinen.
Als König Kunde profitiert auch der kleine Bürger-King von
der Straße - zunächst
- von Überfischung, Bodenverwüstung oder dem Raubbau an
menschlicher Arbeitskraft. Aus Sicht eines Großeinkäufers,
Weiterverarbeiters oder Endverbrauchers scheinen unangenehme Folgen
der Übernutzung von Naturkräften auszubleiben, solange sie durch die Erschließung immer neuer
Quellen des Wohlstandes kompensiert werden können. Natürliche Grenzen des "Nachwachstums"
scheinen aufgehoben.
Endstation Warensinn?
Die vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama
geäußerte Vorstellung vom
"Ende der Geschichte" lebt möglicherweise von dieser Illusion.
Warenverkehr versetzt das moderne Bewusstsein
in in eine bequeme Lage. Das Losgelöstsein von der Last der Wahrnehmung
unangenehmer Voraussetzungen oder Wirkungen des Konsumierens bestimmt offenbar auch den
Horizont des philosophischen Zeitgeist, der nicht sieht, dass häufig kein Gras,
(Regenwald
oder Fisch) mehr nachwächst, wo menschlicher Fortschritt
auftritt und sich das unbekümmert als ewiger Kreislauf vorgestellte
"Ende der Menschheitsgeschichte" in einer ökologischen Abwärtsspirale
bewegt.
Vielleicht war
Karl Marx
hier doch weitsichtiger. Für ihn beginnt (!) die
Geschichte der Menschheit erst, wenn die entscheidenden Fragen des "Was?", "Wer?", "Wo?",
"Wie?", Wieviel?", "Wem?" und "Warum?" der
Produktion - im Großen und Ganzen - in gemeinsamen Abwägungsprozessen entschieden werden können
und müssen.
Nur in so weit die Menschen die Freiheit besitzen, sich gegenseitig zu
nötigen, die soziale und ökologische Vernunft (Verträglichkeit,
Nachhaltigkeit) der beabsichtigten Produktionsziele und -methoden zu belegen, kann von einer wirklich
gemeinsam handelnden
"Menschheit" die Rede sein. Wie viel Marktwirtschaft
zur
Herstellung einer solcherart gemeinsam handelnden Menschheit möglich
oder auch notwendig ist, mag dahin gestellt sein. Fest steht:
Solange eine in ihrer sozialen und ökologischen Wirkung
weitgehend blinde Konkurrenz (und damit vor allem die Einsparung von Arbeitsaufwand) die Entscheidungen der
Menschen über den Erfolg der Produktion (und damit deren
"Richtigkeit" bzw. "Rationalität") bestimmen, treibt das den menschlichen Reichtum
in einem unangenehmen Sinne "wie verrückt" voran! Denn das Verrückte ist, dass den
beteiligten Menschen der letztlich bewirkte Schaden (oder Nutzen) herzlich egal bleiben kann,
solange sie selbst nicht unmittelbar betroffenen sind. Solange und soweit produzierter Nutzen (oder Schaden)
jedoch als Privatsache gelten (kann), scheint auch das philosophische
Denken vom Warensinn getrübt.
Geld stinkt nicht .
Warum
rebelliert das menschliche (Un-) Rechtsbewusstsein so selten gegen das
leichtfertige in Kauf nehmen selbst schwerer Verbrechen im Wortsinne mörderischer
Produktionsbedingungen? Vielleicht fehlt es einfach an
genau diesen Möglichkeiten, Produktion und Konsum gemeinsam, nach
(welt-) gemeinschaftlich reflektierten Kriterien zu steuern. Denn ohne
dem kann jedes Glied der globalen Produktions- und Konsumketten nur
seinen borniert-privaten Vorteil (oder Nachteil) sehen mit der Folge,
dass das durch Raubbau am Meer gewonnene Mehr an Meeresfruchtpizza
sogar als Zugewinn an Gerechtigkeit erscheint.
Denn für mich
sieht es so aus: ich habe mir die Pizza durch Arbeit redlich verdient.
Ein Mehr an Pizza für das gleiche Geld ist für mich wie die Vermehrung
des Lohns für die eigenen Mühen. Im Dunklen bleibt, dass
nicht ich, sondern die Tier- und Pflanzengesellschaften des Meeres die
Meeresfrüchte produzierten (und die endlose Kette fremder
Arbeitsvorgänge, sie schließlich auf meinen Teller platzierten). Wie also soll
ich riechen, dass mein Gerechtigkeitsgefühl aus Vorgängen gestrickt ist, die
meine Mitmenschen
arm und die Meere leer macht?
Geld stinkt
nicht, und Frutti di Mare auf der Pizza schmecken nicht nach leer
gefischtem Meer. Wir müssen offenbar erst mit der Nase darauf
gestoßen werden.
Stinkt Geld doch?
Das geschieht etwa, wenn
Greenpeace
mit Tausenden der Sommerhitze ausgesetzter toter
Fische, Krebse und Muscheln zeigt, dass
"eine
Politik stinkt, die es zulässt, dass jedes Jahr allein in der Nordsee
700.000 Tonnen Meerestiere als Beifang völlig sinnlos sterben, weil sie
nicht einmal im Hafen angelandet, sondern gleich wieder tot oder
sterbend über Bord gekippt werden."
Bild: Copyright: © Paul
Langrock/Zenit / Greenpeace, mit freundlicher Genehmigung
Mit fair Trade zur Mitmenschlichkeit!
Aktionen für
ökologisch und sozial verantwortungsvollen Konsum, wie etwa die
Kampagne "Augen auf beim
Blumenkauf," Fair Trade, umweltbewusstes
Reisen, oder der Erwerb von
Fisch mit Ökosiegel helfen weiter.
Die individuelle zur Kenntnisnahme und Zähmung des inneren
Schweinehundes bei jeder Kaufentscheidung, die täglich mehrfache
Entscheidung für oder wider höhere Warenpreise, die durch Mehraufwand
für zukunftsfähige, faire Produktion notwenig werden, ist notwenig, lehr- und hilfreich.
Verantwortung öffentlicher Beschaffung
Der Effekt wäre größer, würden die
öffentliche Hand und andere Großeinkäufer fair und umweltfreundlich
einkaufen (müssen).
Auch
in diese Richtung gibt es viel versprechende Bewegung.
Zukunftsfähiges Nachfragen durch Mindeststandards?
Soziale und
ökologische Kriterien bei er Vergabe von öffentlichen Aufträgen
oder der Güter-Beschaffung durch die öffentliche Hand wären - gerade in
Kombination mit Agenda 21 Prozessen - ein großer Fortschritt bei
der Entwicklung eines hinreichenden Willens zu einer sozial und
ökologisch reflektierten Nachfrage nach zukunftsfähigen Formen der
Produktion. Denn das Bedürfnis, nach der
Zukunftsfähigkeit des eigenen Wohlstands zu fragen, wird sich nur
in dem Maße entwickeln können, wie Regeln (und deren Anwendung) mit bestimmt werden
können, die das mitmenschliche und ökologisch bewusste Handeln zur Normalität machen.
Doch auch eine verantwortlich einkaufende "Öffentliche Hand"
wäre dafür nicht ausreichend.
Grad wo
private Konkurrenz ums Schneller und Besser im Wortsinne mörderisch wird
und sich die freundliche Dr.
Jekyll Gestalt der unsichtbaren
Hand privaten Aneignens zur Mr. Hyde Klaue zu formen beginnt,
müssen soziale und
ökologische Mindeststandards festgelegt werden, die weltweit
gültig und deshalb in der Lage sind, Sozial- und Ökodumping durch drohende Sonderabgaben
oder auch Verkauf von "Verschmutzungsrechten" usw.
zu verunmöglichen.
Erst die Möglichkeit
zur Mitbestimmung sozialer Regeln, gibt (gäbe) Anlass, ernsthaft über die Gerechtigkeit dieser und jener Festlegung
zu streiten, stachelt das Verlangen nach Informationen über die Grundlagen der zu treffenden Entscheidungen
an, macht jede auch noch so privat erscheinende Nachfrage zu einem Gegenstand öffentlichen
Nachfragens.
Erlöse aus
"Verschmutzungsrechten", Öko- und Sozialsteuern und -zölle (oder umgekehrt
Gutschriften), die so einen Entwicklungsprozess steuern, müssten allerdings dafür eingesetzt werden, Nationen,
Branchen usw., die ihre Konkurrenzvorteil bisher weitgehend aus
dem Raubbau bzw. dem Mangel an sozialer und ökologischer
Zukunftsfähigkeit gewinnen, den Umstieg in ein zukunftsfähiges
(menschenwürdiges und naturverträgliches) Wirtschaften zu ermöglichen.
(Globale)
Notwendigkeiten und (regionale) Möglichkeiten müssen also berücksichtig
und finanzielle Mittel wie Maßnahmen zur Förderung nationaler
Umbauprogramme so in Zeit und Raum eingeordnet werden, dass auch die
sozial und ökologisch problematisch produzierende Nationen in den
Prozess einwilligen können. International gültige Mindeststandards und
nationale Nachhaltigkeitsstrategien müssten also Hand in Hand geschaffen
und finanziert werden.
Die Herstellung
eines solcherart "gemeinsamen Menschheitsgeschichte" könnte
nur als Bündel
geschichtlicher Prozesse geschehen, die bestehende oder bereits mögliche
Ansätze fortsetzen. Das Kleine (zertifizierte
Ökowaren, fair Trade oder freiwilliger Audit) darf aber nicht klein (d.h. auf
privaten Goodwill angewiesen) bleiben und es käme darauf an, aus
ihnen Regeln zu entwickeln, die aus der sozialen Nische,
lebensweltlicher Moden und "Szenen" heraus führen
und auf Veränderungen im
Großen und Ganzen abzielen.
Angesichts der rasanten
Entwicklung von Nachfragemacht in Ländern wie China, Indien oder
Brasilien bleibt für diese "historischen Veränderungsprozesse"
nicht
allzu viel Zeit, was für oder auch gegen realpolitisches Verdrängen der
Größe der Herausforderung wirkt.
AUF SCHWINGEN!
Unser Projekt steckt trotz
Colour the Cattle
Ausstellung in den Anfängen, (zu sehen
daran, dass die meisten Seiten immer noch ausschließlich in deutsch
vorliegen). Es kann nur sehr bescheidene gedankliche Fortschritte in eine
solche Richtung bewirken. Aber wo Menschen Kontinent übergreifend - die Wanderrouten der
Zugvögel nachvollziehend - mit einander über Bedürfnisse, Wünsche und
Strategien in Hinblick auf eine zukunftsfähige Entwicklung "towards
a Common Future" reden
und die gewonnenen Einsichten zu wandernden
Ausstellungen, Präsentationen usw. verarbeiten, wirft das vielleicht einige Spotlichter auf die vom Warensinn
verdunkelten Bedingungen einer nachhaltigen Entwicklung.
Allerdings werden dringend
Mitwirkende gesucht, die helfen, die personellen und finanziellen
Grundlagen zur Umsetzung der schönen Idee zu schaffen.
Als Themen für den Storchenrouten entlang wandernden Ausstellungen
und diese begleitenden Unterrichtsprojekte, sind in Vorbereitung:
Biolandbau (Bio-Baumwolle, nachhaltige Viehhaltung...) und
Solidarität im Treibhaus/ Solare Zukunft in Afrika. Weitere Beweggründe,
Anhaltspunkte und Orte nachhaltiger Entwicklung (bzw. von
Wanderausstellungen) können hier entnommen werden:
Hans-Hermann Hirschelmann
Ihre Meinung ist gefragt
|